
Eine Schutz-Überdachung soll das Lisberger Tropfhaus vor dem weiteren Verfall bewahren
Lisberg. Ein mulmiges Gefühl hat der Eintretende, wenn er sich in dem alten kleinen Häuschen, Hauptstraße 14, umsehen will. Von der niedrigen und schiefen Zimmerdecke hängt Stroh herunter, Lehm und etwas Putz bröckeln beim Vorbeigehen herab und die stellenweise sichtbaren Fachwerkbalken fühlen sich bedrohlich weich an.
Um einen weiteren Verfall zu stoppen und eines der ältesten authentischen Häuser des Ortes vor Wind und Wetter zu schützen, hat die Kulturhistorische Arbeitsgemeinschaft Lisberg vorübergehend das Gebäude mit einem Holzgerüst überdacht. Das kleine Häuschen an der Hauptstraße ist ein Tropfhaus. Die Bezeichnung weist darauf hin, dass dem Besitzer Grund und Boden bis zur Dachtraufe gehörten. Die Grundstücksgrenze markierten die vom Dach fallenden Regentropfen. Solche Tropfhäuser entstanden in früherer Zeit als eine Art sozialer Wohnungsbau und besaßen zumeist zwei Räume und eine kleine Küche. Das genaue Alter des Lisberger Tropfhauses ist unbekannt. Ein erster Nachweis findet sich auf einer Lithographie aus dem Jahr 1836.
In den 90er Jahren stand das Wohnhaus verlassen und fand kaum Beachtung. Seit einigen Monaten jedoch interessiert man sich in Lisberg wieder für das Häuschen, das früher die Hausnummer 20 trug und der Familie Montag gehörte. Die im vergangen! en Jahr gegründete Kulturhistorische Arbeitsgemeinschaft möchte das Tropfhaus erhalten, als ein Stück Ortsgeschichte.
Der Eigentümer hat nichts dagegen. Das Haus gehört der Gemeinde Lisberg. Und die hatte im Juli vergangenen Jahres die Erlaubnis für die Sicherungsmaßnahmen durch die Kulturhistorische Arbeitsgemeinschaft erteilt.
Als die Mitglieder im Herbst mit den Arbeiten am Tropfhaus begannen, schien es im Inneren des Gebäudes, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Das Bett in der Ecke der kleinen Wohnkammer war noch vollständig überzogen, Kleidung hing vom daneben stehenden Stuhl herab, Kaffeetasse und Arzneimittelfläschchen standen auf einer Kommode, daneben lag ein steifer, benutzter Rasierpinsel. Selbst von einem „mumifizierten" Stück Fleisch auf einem Teller berichtet Reinhold Stärk, Vorsitzender der Kulturhistorischen Arbeitsgemeinschaft.
Rund 15 Jahre war in dem kleinen Häuschen nichts mehr verändert worden. Valentin Montag, der letzte Bewohn! er, starb 1990. Er verließ aber schon vorher das Tropfhaus, das er all ein bewohnt hatte, und ging in ein Altenheim. Am 30. März 1987 ist seine Abmeldung im gemeindlichen Melderegister eingetragen. Die Erben verkauften Haus und Grundstück einige Jahre später an die Gemeinde.
Originalzustand weitgehend bewahrt
Bis zum Jahr 2002 passierte gar nichts. Das Haus blieb so, wie es war. Und das hatte auch sein Gutes: Es bewahrte weitgehend seinen Originalzustand und zeigt noch heute alte Bautechniken. „Man kann originale Putz- und Farbschichten, die von Hand eingebrachte Wickelstrohdecke mit Lehm zwischen den Deckenbalken oder auch ein gemauertes Schamottegewölbe in der Küche erkennen", sagt Reinhold Stärk.
Mittlerweile haben die Mitglieder der Kulturhistorischen Arbeitgemeinschaft das Tropfhaus, das eine Nutzfläche von rund 35 Quadratmetern hat, leergeräumt, Möbel und sonstige Gegenstände eingelagert und den Innenraum gesäubert. Nicht ohne vorher alles fotografisch zu dokumentieren. „Uns war! wichtig, auch später noch zu wissen, wo etwas stand", erklärt Stärk.
Außerdem wurde der vom Einsturz bedrohte hintere Teil des Daches teilweise abgedeckt und abgestützt sowie mit einer Plane regendicht gemacht.
Doch die Arbeiten am Tropfhaus sind in der Bevölkerung nicht unumstritten. Einige sähen das Häuschen lieber abgerissen. „Das alte Gerutsch" bringe sowieso nichts mehr, ist zu hören. Die Gemeinde solle ihr Geld doch besser anderweitig und sinnvoller investieren.
Viel Geld muss die Gemeinde aber gar nicht aufbringen. Lediglich die Kosten für das Sicherungsmaterial werden von ihr übernommen. Die Tätigkeiten werden von der Kulturhistorischen Arbeitsgemeinschaft ausgeführt. Selbst die Werkzeuge bringen die Mitglieder von zuhause mit. Kein Wunder also, dass Erster Bürgermeister Peter Deusel dem Vorhaben positiv gegenüber steht: Ein solcher Zeitzeuge sei es wert erhalten zu werden, sagt er.
Inzwischen ist der kulturelle Wert des kleinen Hauses auch vom Landesamt für Denkmalpflege bestätigt worden: das Tropfhaus – als letztes im Ort noch erhaltenes Gebäude seiner Art – wurde in die Denkmalliste eingetragen.
Zum Jahreswechsel war für die Kulturhistorische Arbeitsgemeinschaft allerhöchste Zeit, die Sicherungsmaßnahmen am Haus fortzuführen. Die Aufstellung eines Gerüstes und gleichzeitige Überdachung hatte sich aus technischen und zeitlichen Gründen immer wieder verschoben und man hatte Glück, dass starke Schneefälle ausblieben, die dem Haus womöglich stark zugesetzt hätten.
Am vergangenen Wochenende stellten Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft ein mit Dachpappe überzogenes Holzgerüst auf und überdeckten das Gebäude, um bei weiteren Maßnahmen vom Wetter unabhängig zu sein. Das neue Schutzdach ermöglicht nun beispielsweise, Ziegeln abzudecken und den Dachstuhl freizulegen. Außerdem unterstützt es die notwendige Trockenlegung des gesamten Bauwerks.
Wer sich näher über das Lisberger Tropfhaus und die Arbeit der Kulturhistorischen Arbeitsgemeinschaft informieren möchte, findet! Informationen auch im Internet unter www.Lisberg.de. Auf der Internetseite kann der Besucher zudem Vorschläge für die künftige Nutzung des Hauses unterbreiten.
Auf der Suche nach einem Nutzungskonzept
Denn ein Kritikpunkt bleibt: Das Tropfhaus wartet immer noch auf ein Konzept für die spätere Nutzung. Vorstellbar wäre ein kleines Dorfmuseum für bestimmte Ausstellungsgegenstände. Doch vorerst will man sich, auch auf Seiten der Gemeinde, noch nicht festlegen: „Wir sollten uns alle Wege offen halten und uns zu nichts drängen lassen", sagt Bürgermeister Deusel. Vielleicht wird das Häuschen wie in früherer Zeit wieder als Kart-Stube zum Schafkopfspielen genutzt. Platz für vier Personen an einem Tisch wäre vorhanden, und gemütlich wäre es sicherlich auch. Valentin Montag, der letzte Bewohner des Häuschens, jedenfalls liebte das Schafkopfkarten. Er sei, so erzählt man noch heute, dabei aber oft allein gewesen, habe an seinem Tisch die Karten ausgegeben und mit sich selbst gespielt.
Matthias Litzlfelder
Erschienen am 08.01.2003 im Fränkischen Tag.
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